Ausstellung Revue & Zeit - Klaus Lustig + Peter Schumacher

 

Klaus Lustig – Revue Vernissage 24.11.2017 KunstWohlfahrt/Klauprechtstr. 30, Karlsruhe

Auch der schwedische Kult- Fotoapparat, die Hasselblad, wurde in diesem Jahr 2017 60 Jahre alt. Sie ist legendär und geradezu der Rolls Royce, Mercedes und Ferrari der Fotoapparate in einem. Grund genug, diesen 60ern zu gratulieren und ihnen ein kleines Denkmal zu setzen. Mit der Hirschbrücke hier in der Südweststadt gelingt es Klaus Lustig, ihr eine einzigartige Dynamik zu verleihen, allein durch den extremen Winkel, den er wählt. Damit erhebt er die Eisenbahnbrücke aus der Zeit von Großherzog Friedrich zu einem Monument und Zeitdokument. Wie sonst will man die ganze Hirschbrücke auf ein Foto bannen? Wie der Klassiker- Fotograf und Maler Alexander Rodtschenko, der im Russland als Vertreter des Konstruktivismus bekannt war und sich seit den 1920er Jahren der Fotografie in ungewöhnlichen Perspektiven widmete, begibt sich Klaus Lustig auf die Suche nach einer ungewohnten Ansicht, einem Versatzstück, durch das man sich jedoch das Gesamte erschließen kann. Spuren der Zeit werden sichtbar. Der Fotograf sieht ein Motiv, er stellt es nicht, und wenn etwas stört, wie Autos oder viele Menschen, dann wird ein Foto eben auch mal nicht gemacht. Auf dem Hasselblad- Film sind schließlich nur 12 Fotos möglich, da überlegt man sich gut, ob man das Motiv wirklich gut erfassen kann. Meist hat Klaus Lustig ein Stativ dabei, denn er entscheidet sich oft für längere Belichtungszeiten. Obwohl er mit digitaler Fotografie angefangen hat, liebt er seine mechanische Kamera, die sehr robust ist – war sie doch beim ersten Weltraumflug auf den Mond mit dabei! – die man wunderbar aufklappen und von oben durchgucken kann, und die sogar einen angebauten Belichtungsmesser hat, ein sorgfältig gepflegtes und gehegtes Spielzeug.

Wer Klaus Lustig kennt, der weiß, dass er ein großer Fan der Bretagne ist. Er liebt mit seiner Familie die Landschaft, die Geschichte und Kultur des Landes, die Menschen. Es ist ein Land, in dem sich die Lichtverhältnisse schnell ändern, eine große Herausforderung für jeden Fotografen. In einer dichten Collage möchte uns Klaus Lustig die verschiedenen Aspekte der bretonischen Landschaft zeigen: das Motiv auf der Einladungskarte sind die verschlossenen Verkaufsstände der Spitzenklöpplerinnen, die tagsüber ihre Waren feil halten. Hier, nach Feierabend, wenn die Sonne schon fast verschwunden ist, wirken die Buden wie Wächter einer vergangenen Zeit, immer noch in ein weiches, diffuses Licht getaucht, mit den typischen Farben der Bretagne – Blau wie der Himmel, Grün wie die Vegetation, Beige wie der Sand an der Küste. An dem über 2 km langen Strand kann man oft stundenlang allein gehen, angespültes Schwemmgut sieht aus wie fantastische Wesen aus einer anderen Welt, an den Strand geworfen, ausgespuckt vom geheimnisvollen Meer. An der bretonischen Küste findet man auch immer wieder Zeugnisse aus der jüngeren Vergangenheit, ein deutscher Vorbunker, der aussieht wie ein angespülter riesiger 70 Jahre alter Fisch aus Beton, wie ein Raumschiff, und künstlerisch gestaltet wird er wieder zum rosa Fisch, die Beischriften machen ihn zum Mahnmal: Gräten oder Gefangene im Fisch?
Die Digitalfotos zeigen auch Motive in Bewegung, z.B. die auffliegenden Möwen in verschiedenen Flughaltungen. Selbst die Folgen der Orkane werden sichtbar in den verfallenen Fenstern und Häusern, die von Dachdeckern in typischer orkandichter Schieferdeckung geschützt werden. Die weißen Hausfassaden mit ihren prägnanten Kaminformen, Steinmauern und Gärten mit Palmen und Palmfarnen sind markant für diese Gegend. Ausgemusterte Boote wurden früher am Strand liegen gelassen, bis sie Wind und Wetter verwittern und dem Erdboden und dem Meer zurückgeben. Heute liegen diese Schiffe auf Grundstücken und warten auf ihren letzten Atemzug, sie ruhen in Frieden, ein Boot heißt „La Paix“, der Friede. Früher im Meer, jetzt im Garten, einem Paradiesgarten in der Bretagne.


An der Wand daneben wieder heimische Motive: ein Wald bei Lauterburg, hinter dem eine Fabrik lauert, der Heidelberger „Knast“ = Zoo, in dem ein Orang Utan- Weibchen gefangen herumhängt. Die Bronzetür der Stefanskirche: die Bierflasche sieht so aus, als ob sie gerade von dem Heiligen auf der Tür geleert wurde, er liegt wie betrunken auf dem Boden, wurde in Wirklichkeit gesteinigt. Und in den Steinen der Bretagne kann man anthropomorphe Figuren erkennen, vielleicht „Madame Breizh“, wie die Bretagne auf bretonisch heißt, und die uns ihre vielleicht erotischen Geheimnisse anvertraut. Klaus Lustig inszeniert diese Motive nicht, er entdeckt sie, erkennt die verborgenen Geschichten in ihnen und hält sie fest, um sie uns mitzuteilen, ironisch, aus dem Alltagsleben gegriffen. Eine Revue der Erfahrungen und Weisheiten des Fotografen.
Auch den Gang und die Bar sollte der Betrachter beachten: uns begegnet ein Fahrrad in luftiger Höhe der Oststadt, ein anderes Mal eine dichte Häuserschlucht in Wien, bei der sich Klaus Lustig dachte, wie würde das wohl Rodtschenko machen? Bewusst anders belichtet wirkt dieses grobkörnige Bild wie ein Gruß aus dem Beginn des letzten Jahrhunderts.
Im Gang um die Ecke wieder etwas Überraschendes von Klaus Lustig: eine Art achtteilige Bildergeschichte. „Die Möwe und die Lotte“ (Lotte ist ein bretonischer Fisch, Anm.d.A.), eine Möwe landet im Hafen, sieht sich um, sieht sich neugierig nach etwas Fressbarem um, sondiert auf der Kiste, hüpft in die Kiste und guckt heraus, hat im Schnabel das Endstück des Knorpelfisches, das bekanntlich ein Leckerbissen für alle Möwen ist, fliegt davon. Dann sitzt sie oder eine andere Möwe erneut auf der Banana- Kiste, alles beginnt von neuem.
Der Fotograf muss warten, wie eine Möwe denken, im richtigen Moment abdrücken, sich die Geschichte überlegen, sie uns erzählen.
In der Bar hängen vor allem wieder bretonische Motive, in wirkungsvolle Korrespondenz gebracht: Sohn Max am stürmischen Meer, daneben eine mehrsprachige Warnung vor hohen Wellen, in ungelenkem Deutsch heißt das dann „Sterbliche Gefahr“. Eine Komik, die zum Lächeln anregt, Sprache ist doch etwas Seltsames, Übersetzungen können tragisch sein.
Weiterhin leuchten geschichtsträchtige Leuchttürme in ungewöhnlichen Perspektiven, von König Ludwig XIV. geschleifte Kirchtürme erzählen tragische Begebenheiten der vergangenen Zeit, mäanderndes Brackwasser, Steine und Kühe erinnern an mythische Berichte, in denen der Faustkeil von Zeus auf die Erde gefallen ist. Verfallende Schiffe sind gerade noch Gerippe ihrer selbst, vergehen und blicken zurück auf bessere Zeiten, Revue.
Im Gang findet man noch zwei Karlsruher Geschichtszeugnisse in Schwarz- Weiß, eine Hommage von Klaus Lustig an seinen Vater, einem gelernte Fotografen, der nach dem Krieg einen Blick auf den Kronenplatz wirft und Theodor Heuss im Zug festhält. Welche Uniformen trugen wohl die Wachmänner vor dem Krieg? Eine neue Zeit bricht an, man sieht voraus, blickt aber immer noch mit einem Hühnerauge in die Vergangenheit. Die alte und die junge Vergangenheit hält uns Klaus Lustig in seiner Ausstellung mit dem Thema Revue vor Augen, mit Fotografien, die das Leben schrieb. Viel Erfolg, lieber Klaus Lustig, auch zum runden Geburtstag, und Ihnen allen nun viel Vergnügen und lebhafte Gespräche beim Betrachten!

Peter Schumacher – Zeit Vernissage 24.11.2017 KunstWohlfahrt/Klauprechtstr. 30, Karlsruhe

Was zunächst als Hobby begann wurde bald zu einer Passion, die gewissermaßen auch zu seinem Beruf wurde: das Fotografieren und die Beschäftigung mit Fotoapparaten. Peter Schumacher, ein Pfälzer, stellt uns heute als Schwerpunkt 14 seiner Arbeiten zum Thema „Zeit“ vor. Zeit, ein eigentlich abstrakter Begriff, wird hier sichtbar und greifbar und begreifbar. Peter Schumacher hatte die einzigartige Gelegenheit, durch seinen guten Draht zum ehrenamtlichen Türmer und Glöckner, nicht den von Nôtre Dame in Paris, sondern vom Rathausturm in Ettlingen, Herrn Willi Kleinfeld, eines Tages in dessen luftige Höhen aufzusteigen und einige Stunden fotografierend dort zu verbringen. In dieser interessanten Zeit fing Schumacher in dem Glockenstuhl Motive ein, die vor allem die vergängliche und verrinnende Zeit deutlich machen: Zahnräder, die ineinander greifen und sich bewegen, Klöppel, Werkzeuge, Seile. Vielfältige Strukturen und Materialien wie Glas, Wände aus Stein, Holz der Balken und Metall werden in den Schwarz- Weiß- Fotos deutlich herausgehoben, keine Farbe lenkt vom Wesentlichen ab. Ehrfürchtig und archaisch wirken daher die Motive. Sehr ordentlich, blank geputzt und abgestaubt sieht es da oben aus, der Turmwächter wacht über seine Glocken und Zahnräder. Die Turmuhr stammt von ca. 1800, die Glocke selbst kann noch älter sein, denn es ist die „Sibylla“, nach der wohltätigen Markgräfin benannt, möglicherweise sogar von ihr gestiftet, der Gattin bzw. Witwe des „Türkenlouis“, Markgraf Ludwig Wilhelm von Baden. Die Ettlinger Rathausglocke zeigt in Relief das Badisch- Sachsen- Lauenburgische Allianzwappen sowie die fromme Markgräfin mit einem Kruzifix in der Hand.
Im Gebälk knackt es manchmal, es knirscht oder klappert, der Wind fährt durch die Turmstube, das gleichmäßige mechanische Knacken der Zahnräder lässt eine Ahnung von Ewigkeit durch diese luftige Höhe wehen, ein einsamer Ort hoch über dem Ettlinger Marktplatz, von wo aus die Menschen vielleicht auf die Turmuhr sehen. Aber auch ein magischer Ort, der seinen faszinierenden Reiz für den Wächter und seine Besucher ausstrahlt. Von 1917 gibt es neuere Zimmermannsarbeiten, als Jahreszahl eingeritzt verewigt; ebenso wie Initialen und Abkürzungen in den Balken. Fast wie eine Geheimschrift erkennt man in weiß oder in Ruß von einer Kerze Andeutungen von Namen wie Toni oder Heini (?). Dabei wäre noch die Aufgabe der Feder zu klären, die eine ganz besondere Bewandtnis zu haben scheint. Vielleicht kann Herr Kleinfeld Auskunft geben?
Begleitet von den Erzählungen und Erklärungen des Turmwächters begab sich Peter Schumacher in diesen geheimnisvollen Raum voller Technik und Mechanik, trat dabei aber auch eine Reise in die Vergangenheit Ettlingens an, entfernt erblickt man die Stadt mit ihren Bauwerken, etwa der evang. Johanneskirche – Glocken grüßen sich gegenseitig, geben Signale. Ruft die eine zum Gottesdienst, warnt die andere vor einer Feuersbrunst oder ruft die Zeit aus. Kontrolluhren zeigen, ob die Zeit noch zeitgemäß ist. Glocken begleiten uns das ganze Leben durch die gesamte Menschheitsgeschichte: sie waren bereits vor ca. 4000 Jahren in China und Ägypten bekannt. Die größte Glocke stammt aus dem Jahr 1733, befindet sich in Moskau, wiegt rund 181 t und ist fast 6 m hoch.
Peter Schumacher hat einen sensiblen Blick für Motive und hält sie im richtigen Moment mit seiner digitalen Profikamera mit nur meist einem Objektiv fest. Er arbeitet gern mit Schärfentiefe, die das Hauptmotiv in der Mitte scharf festhält, den Vorder- und Hintergrund jedoch unscharf belässt. Somit bildet die Fotografie bei weitem nicht nur ab, sondern interpretiert und deutet die Situation. Dadurch schafft er eine ehrfürchtige Hommage an den Glockenstuhl im Ettlinger Rathaus und seinen Turmwächter. In der Platzierung von 14 Motiven entsteht somit eine Collage unterschiedlicher Blickwinkel auf Raumsituation und ausgewählter Gegenstände, in dieser Platzierung fast auch ein nachvollziehbarer Raum, deren Atmosphäre nahezu greifbar wird.
Peter Schumacher reist aber nicht nur gern in vergangene Zeiten von alten Turmstuben sondern auch in der realen Welt umher, vor allem Ziele in Asien, etwa Malaysia, Indonesien und Thailand reizen ihn. Er zeigte Fotografien aus diesem Kontinent in einer früheren Ausstellung. Doch auch hier ist ein Foto aus Hanoi in Vietnam in der Ausstellung, eigentlich ein Farbfoto, das Motiv auf der Einladungskarte, hier in sw, das mit dem Foto des Hafens in Kiel dem Thema „Bewegung“ gewidmet ist. Zum einen dramatisieren Wasser, Wolken, Segen und Masten in Bewegung die Szene, zum anderen gelingt es Peter Schumacher in einer Langzeitbelichtung den chaotischen Verkehr in den Straßen Hanois sichtbar zu machen, der hier fließend wird. Nicht nur Fastfood, sondern auch Fast Traffic gibt es in unserer Welt, alles muss schnell gehen, Zeit ist Geld. Zeit fließt beständig und sichtbar, hier eingefangen durch die Linse von Peter Schumacher.

Daneben hängt ein weiteres Paar: die Fassade eines Gebäudes in der Speicherstadt in Hamburg, die man hin- und herdrehen kann, immer bleibt eine interessante Struktur der Backsteinfassade mit den Fenstern und Lüftungsmotiven. Mit dem Betondurchgang auf dem Stefanplatz in Karlsruhe, einmal durch eine ganz andere Linse gesehen, erhält dieses Motiv eine ästhetische Monumentalisierung, die an eine Guckkastenbühne mit symmetrisch angelegten Bäumen denken lässt oder an den Blick in eine alte Plattenkamera.
Bekanntes wird hier neu gesehen, ein ausgewählter Blickwinkel trägt dazu bei. Die Dramatik kann zusätzlich durch Nachbearbeitung gesteigert werden und der leichte Violett- Stich verleiht den Fotografien doch ein gewisses Kolorit.

Farbe ist nun doch anwesend in den Fotos von Peter Schumacher: ein Fotopaar, von dem eines ein Karlsruher Motiv zeigt: ein Treppenhaus mit einem schönen Schmiedeeisengeländer und am Eingang ein kurioses Schild mit der Aufschrift „Radfahren verboten“, mit dem wachsamen Spürauge des Humors entdeckt. Das andere zeigt eine fast unwirkliche Herbststimmung bei Heuchelheim in der Pfalz, Nebel wabern hinter gespenstischen Bäumen, ein Foto, das an Dramatik nicht zu überbieten ist, schön wie ein Gemälde.

Peter Schumachers Arbeiten zeichnen sich durch eine sorgfältige Motivwahl aus, den Blick fürs Besondere, der auf das Wesentliche konzentriert ist. Für ihn ist eine gute Ausrüstung wichtig, die ihm erlaubt, ein Spiel mit der Schärfentiefe einzugehen, und meistens fotografiert er mit einem Objektiv. Die eindrucksvollen Ergebnisse seiner fotografischen Arbeit der letzten Jahre präsentiert er uns heute hier, und es ist möglich, bei Interesse die Motive auch größer von ihm abziehen zu lassen. Man kann Peter Schumacher zu dieser Ausstellung gratulieren, in der er uns Begriffe wie Zeit oder Bewegung in qualitätvollen, hervorragenden Fotoarbeiten und eindrucksvollen Motiven näher gebracht hat.

Helene Seifert M.A. – Kunsthistorikerin, Karlsruhe

 

 

Klaus Lustig – Revue Vernissage 24.11.2017 KunstWohlfahrt/Klauprechtstr. 30, Karlsruhe

Auch der schwedische Kult- Fotoapparat, die Hasselblad, wurde in diesem Jahr 2017 60 Jahre alt. Sie ist legendär und geradezu der Rolls Royce, Mercedes und Ferrari der Fotoapparate in einem. Grund genug, diesen 60ern zu gratulieren und ihnen ein kleines Denkmal zu setzen. Mit der Hirschbrücke hier in der Südweststadt gelingt es Klaus Lustig, ihr eine einzigartige Dynamik zu verleihen, allein durch den extremen Winkel, den er wählt. Damit erhebt er die Eisenbahnbrücke aus der Zeit von Großherzog Friedrich zu einem Monument und Zeitdokument. Wie sonst will man die ganze Hirschbrücke auf ein Foto bannen? Wie der Klassiker- Fotograf und Maler Alexander Rodtschenko, der im Russland als Vertreter des Konstruktivismus bekannt war und sich seit den 1920er Jahren der Fotografie in ungewöhnlichen Perspektiven widmete, begibt sich Klaus Lustig auf die Suche nach einer ungewohnten Ansicht, einem Versatzstück, durch das man sich jedoch das Gesamte erschließen kann. Spuren der Zeit werden sichtbar. Der Fotograf sieht ein Motiv, er stellt es nicht, und wenn etwas stört, wie Autos oder viele Menschen, dann wird ein Foto eben auch mal nicht gemacht. Auf dem Hasselblad- Film sind schließlich nur 12 Fotos möglich, da überlegt man sich gut, ob man das Motiv wirklich gut erfassen kann. Meist hat Klaus Lustig ein Stativ dabei, denn er entscheidet sich oft für längere Belichtungszeiten. Obwohl er mit digitaler Fotografie angefangen hat, liebt er seine mechanische Kamera, die sehr robust ist – war sie doch beim ersten Weltraumflug auf den Mond mit dabei! – die man wunderbar aufklappen und von oben durchgucken kann, und die sogar einen angebauten Belichtungsmesser hat, ein sorgfältig gepflegtes und gehegtes Spielzeug.

Wer Klaus Lustig kennt, der weiß, dass er ein großer Fan der Bretagne ist. Er liebt mit seiner Familie die Landschaft, die Geschichte und Kultur des Landes, die Menschen. Es ist ein Land, in dem sich die Lichtverhältnisse schnell ändern, eine große Herausforderung für jeden Fotografen. In einer dichten Collage möchte uns Klaus Lustig die verschiedenen Aspekte der bretonischen Landschaft zeigen: das Motiv auf der Einladungskarte sind die verschlossenen Verkaufsstände der Spitzenklöpplerinnen, die tagsüber ihre Waren feil halten. Hier, nach Feierabend, wenn die Sonne schon fast verschwunden ist, wirken die Buden wie Wächter einer vergangenen Zeit, immer noch in ein weiches, diffuses Licht getaucht, mit den typischen Farben der Bretagne – Blau wie der Himmel, Grün wie die Vegetation, Beige wie der Sand an der Küste. An dem über 2 km langen Strand kann man oft stundenlang allein gehen, angespültes Schwemmgut sieht aus wie fantastische Wesen aus einer anderen Welt, an den Strand geworfen, ausgespuckt vom geheimnisvollen Meer. An der bretonischen Küste findet man auch immer wieder Zeugnisse aus der jüngeren Vergangenheit, ein deutscher Vorbunker, der aussieht wie ein angespülter riesiger 70 Jahre alter Fisch aus Beton, wie ein Raumschiff, und künstlerisch gestaltet wird er wieder zum rosa Fisch, die Beischriften machen ihn zum Mahnmal: Gräten oder Gefangene im Fisch?
Die Digitalfotos zeigen auch Motive in Bewegung, z.B. die auffliegenden Möwen in verschiedenen Flughaltungen. Selbst die Folgen der Orkane werden sichtbar in den verfallenen Fenstern und Häusern, die von Dachdeckern in typischer orkandichter Schieferdeckung geschützt werden. Die weißen Hausfassaden mit ihren prägnanten Kaminformen, Steinmauern und Gärten mit Palmen und Palmfarnen sind markant für diese Gegend. Ausgemusterte Boote wurden früher am Strand liegen gelassen, bis sie Wind und Wetter verwittern und dem Erdboden und dem Meer zurückgeben. Heute liegen diese Schiffe auf Grundstücken und warten auf ihren letzten Atemzug, sie ruhen in Frieden, ein Boot heißt „La Paix“, der Friede. Früher im Meer, jetzt im Garten, einem Paradiesgarten in der Bretagne.
An der Wand daneben wieder heimische Motive: ein Wald bei Lauterburg, hinter dem eine Fabrik lauert, der Heidelberger „Knast“ = Zoo, in dem ein Orang Utan- Weibchen gefangen herumhängt. Die Bronzetür der Stefanskirche: die Bierflasche sieht so aus, als ob sie gerade von dem Heiligen auf der Tür geleert wurde, er liegt wie betrunken auf dem Boden, wurde in Wirklichkeit gesteinigt. Und in den Steinen der Bretagne kann man anthropomorphe Figuren erkennen, vielleicht „Madame Breizh“, wie die Bretagne auf bretonisch heißt, und die uns ihre vielleicht erotischen Geheimnisse anvertraut. Klaus Lustig inszeniert diese Motive nicht, er entdeckt sie, erkennt die verborgenen Geschichten in ihnen und hält sie fest, um sie uns mitzuteilen, ironisch, aus dem Alltagsleben gegriffen. Eine Revue der Erfahrungen und Weisheiten des Fotografen.
Auch den Gang und die Bar sollte der Betrachter beachten: uns begegnet ein Fahrrad in luftiger Höhe der Oststadt, ein anderes Mal eine dichte Häuserschlucht in Wien, bei der sich Klaus Lustig dachte, wie würde das wohl Rodtschenko machen? Bewusst anders belichtet wirkt dieses grobkörnige Bild wie ein Gruß aus dem Beginn des letzten Jahrhunderts.
Im Gang um die Ecke wieder etwas Überraschendes von Klaus Lustig: eine Art achtteilige Bildergeschichte. „Die Möwe und die Lotte“ (Lotte ist ein bretonischer Fisch, Anm.d.A.), eine Möwe landet im Hafen, sieht sich um, sieht sich neugierig nach etwas Fressbarem um, sondiert auf der Kiste, hüpft in die Kiste und guckt heraus, hat im Schnabel das Endstück des Knorpelfisches, das bekanntlich ein Leckerbissen für alle Möwen ist, fliegt davon. Dann sitzt sie oder eine andere Möwe erneut auf der Banana- Kiste, alles beginnt von neuem.
Der Fotograf muss warten, wie eine Möwe denken, im richtigen Moment abdrücken, sich die Geschichte überlegen, sie uns erzählen.
In der Bar hängen vor allem wieder bretonische Motive, in wirkungsvolle Korrespondenz gebracht: Sohn Max am stürmischen Meer, daneben eine mehrsprachige Warnung vor hohen Wellen, in ungelenkem Deutsch heißt das dann „Sterbliche Gefahr“. Eine Komik, die zum Lächeln anregt, Sprache ist doch etwas Seltsames, Übersetzungen können tragisch sein.
Weiterhin leuchten geschichtsträchtige Leuchttürme in ungewöhnlichen Perspektiven, von König Ludwig XIV. geschleifte Kirchtürme erzählen tragische Begebenheiten der vergangenen Zeit, mäanderndes Brackwasser, Steine und Kühe erinnern an mythische Berichte, in denen der Faustkeil von Zeus auf die Erde gefallen ist. Verfallende Schiffe sind gerade noch Gerippe ihrer selbst, vergehen und blicken zurück auf bessere Zeiten, Revue.
Im Gang findet man noch zwei Karlsruher Geschichtszeugnisse in Schwarz- Weiß, eine Hommage von Klaus Lustig an seinen Vater, einem gelernte Fotografen, der nach dem Krieg einen Blick auf den Kronenplatz wirft und Theodor Heuss im Zug festhält. Welche Uniformen trugen wohl die Wachmänner vor dem Krieg? Eine neue Zeit bricht an, man sieht voraus, blickt aber immer noch mit einem Hühnerauge in die Vergangenheit. Die alte und die junge Vergangenheit hält uns Klaus Lustig in seiner Ausstellung mit dem Thema Revue vor Augen, mit Fotografien, die das Leben schrieb. Viel Erfolg, lieber Klaus Lustig, auch zum runden Geburtstag, und Ihnen allen nun viel Vergnügen und lebhafte Gespräche beim Betrachten!

Peter Schumacher – Zeit Vernissage 24.11.2017 KunstWohlfahrt/Klauprechtstr. 30, Karlsruhe

Was zunächst als Hobby begann wurde bald zu einer Passion, die gewissermaßen auch zu seinem Beruf wurde: das Fotografieren und die Beschäftigung mit Fotoapparaten. Peter Schumacher, ein Pfälzer, stellt uns heute als Schwerpunkt 14 seiner Arbeiten zum Thema „Zeit“ vor. Zeit, ein eigentlich abstrakter Begriff, wird hier sichtbar und greifbar und begreifbar. Peter Schumacher hatte die einzigartige Gelegenheit, durch seinen guten Draht zum ehrenamtlichen Türmer und Glöckner, nicht den von Nôtre Dame in Paris, sondern vom Rathausturm in Ettlingen, Herrn Willi Kleinfeld, eines Tages in dessen luftige Höhen aufzusteigen und einige Stunden fotografierend dort zu verbringen. In dieser interessanten Zeit fing Schumacher in dem Glockenstuhl Motive ein, die vor allem die vergängliche und verrinnende Zeit deutlich machen: Zahnräder, die ineinander greifen und sich bewegen, Klöppel, Werkzeuge, Seile. Vielfältige Strukturen und Materialien wie Glas, Wände aus Stein, Holz der Balken und Metall werden in den Schwarz- Weiß- Fotos deutlich herausgehoben, keine Farbe lenkt vom Wesentlichen ab. Ehrfürchtig und archaisch wirken daher die Motive. Sehr ordentlich, blank geputzt und abgestaubt sieht es da oben aus, der Turmwächter wacht über seine Glocken und Zahnräder. Die Turmuhr stammt von ca. 1800, die Glocke selbst kann noch älter sein, denn es ist die „Sibylla“, nach der wohltätigen Markgräfin benannt, möglicherweise sogar von ihr gestiftet, der Gattin bzw. Witwe des „Türkenlouis“, Markgraf Ludwig Wilhelm von Baden. Die Ettlinger Rathausglocke zeigt in Relief das Badisch- Sachsen- Lauenburgische Allianzwappen sowie die fromme Markgräfin mit einem Kruzifix in der Hand.
Im Gebälk knackt es manchmal, es knirscht oder klappert, der Wind fährt durch die Turmstube, das gleichmäßige mechanische Knacken der Zahnräder lässt eine Ahnung von Ewigkeit durch diese luftige Höhe wehen, ein einsamer Ort hoch über dem Ettlinger Marktplatz, von wo aus die Menschen vielleicht auf die Turmuhr sehen. Aber auch ein magischer Ort, der seinen faszinierenden Reiz für den Wächter und seine Besucher ausstrahlt. Von 1917 gibt es neuere Zimmermannsarbeiten, als Jahreszahl eingeritzt verewigt; ebenso wie Initialen und Abkürzungen in den Balken. Fast wie eine Geheimschrift erkennt man in weiß oder in Ruß von einer Kerze Andeutungen von Namen wie Toni oder Heini (?). Dabei wäre noch die Aufgabe der Feder zu klären, die eine ganz besondere Bewandtnis zu haben scheint. Vielleicht kann Herr Kleinfeld Auskunft geben?
Begleitet von den Erzählungen und Erklärungen des Turmwächters begab sich Peter Schumacher in diesen geheimnisvollen Raum voller Technik und Mechanik, trat dabei aber auch eine Reise in die Vergangenheit Ettlingens an, entfernt erblickt man die Stadt mit ihren Bauwerken, etwa der evang. Johanneskirche – Glocken grüßen sich gegenseitig, geben Signale. Ruft die eine zum Gottesdienst, warnt die andere vor einer Feuersbrunst oder ruft die Zeit aus. Kontrolluhren zeigen, ob die Zeit noch zeitgemäß ist. Glocken begleiten uns das ganze Leben durch die gesamte Menschheitsgeschichte: sie waren bereits vor ca. 4000 Jahren in China und Ägypten bekannt. Die größte Glocke stammt aus dem Jahr 1733, befindet sich in Moskau, wiegt rund 181 t und ist fast 6 m hoch.
Peter Schumacher hat einen sensiblen Blick für Motive und hält sie im richtigen Moment mit seiner digitalen Profikamera mit nur meist einem Objektiv fest. Er arbeitet gern mit Schärfentiefe, die das Hauptmotiv in der Mitte scharf festhält, den Vorder- und Hintergrund jedoch unscharf belässt. Somit bildet die Fotografie bei weitem nicht nur ab, sondern interpretiert und deutet die Situation. Dadurch schafft er eine ehrfürchtige Hommage an den Glockenstuhl im Ettlinger Rathaus und seinen Turmwächter. In der Platzierung von 14 Motiven entsteht somit eine Collage unterschiedlicher Blickwinkel auf Raumsituation und ausgewählter Gegenstände, in dieser Platzierung fast auch ein nachvollziehbarer Raum, deren Atmosphäre nahezu greifbar wird.
Peter Schumacher reist aber nicht nur gern in vergangene Zeiten von alten Turmstuben sondern auch in der realen Welt umher, vor allem Ziele in Asien, etwa Malaysia, Indonesien und Thailand reizen ihn. Er zeigte Fotografien aus diesem Kontinent in einer früheren Ausstellung. Doch auch hier ist ein Foto aus Hanoi in Vietnam in der Ausstellung, eigentlich ein Farbfoto, das Motiv auf der Einladungskarte, hier in sw, das mit dem Foto des Hafens in Kiel dem Thema „Bewegung“ gewidmet ist. Zum einen dramatisieren Wasser, Wolken, Segen und Masten in Bewegung die Szene, zum anderen gelingt es Peter Schumacher in einer Langzeitbelichtung den chaotischen Verkehr in den Straßen Hanois sichtbar zu machen, der hier fließend wird. Nicht nur Fastfood, sondern auch Fast Traffic gibt es in unserer Welt, alles muss schnell gehen, Zeit ist Geld. Zeit fließt beständig und sichtbar, hier eingefangen durch die Linse von Peter Schumacher.

Daneben hängt ein weiteres Paar: die Fassade eines Gebäudes in der Speicherstadt in Hamburg, die man hin- und herdrehen kann, immer bleibt eine interessante Struktur der Backsteinfassade mit den Fenstern und Lüftungsmotiven. Mit dem Betondurchgang auf dem Stefanplatz in Karlsruhe, einmal durch eine ganz andere Linse gesehen, erhält dieses Motiv eine ästhetische Monumentalisierung, die an eine Guckkastenbühne mit symmetrisch angelegten Bäumen denken lässt oder an den Blick in eine alte Plattenkamera.
Bekanntes wird hier neu gesehen, ein ausgewählter Blickwinkel trägt dazu bei. Die Dramatik kann zusätzlich durch Nachbearbeitung gesteigert werden und der leichte Violett- Stich verleiht den Fotografien doch ein gewisses Kolorit.

Farbe ist nun doch anwesend in den Fotos von Peter Schumacher: ein Fotopaar, von dem eines ein Karlsruher Motiv zeigt: ein Treppenhaus mit einem schönen Schmiedeeisengeländer und am Eingang ein kurioses Schild mit der Aufschrift „Radfahren verboten“, mit dem wachsamen Spürauge des Humors entdeckt. Das andere zeigt eine fast unwirkliche Herbststimmung bei Heuchelheim in der Pfalz, Nebel wabern hinter gespenstischen Bäumen, ein Foto, das an Dramatik nicht zu überbieten ist, schön wie ein Gemälde.

Peter Schumachers Arbeiten zeichnen sich durch eine sorgfältige Motivwahl aus, den Blick fürs Besondere, der auf das Wesentliche konzentriert ist. Für ihn ist eine gute Ausrüstung wichtig, die ihm erlaubt, ein Spiel mit der Schärfentiefe einzugehen, und meistens fotografiert er mit einem Objektiv. Die eindrucksvollen Ergebnisse seiner fotografischen Arbeit der letzten Jahre präsentiert er uns heute hier, und es ist möglich, bei Interesse die Motive auch größer von ihm abziehen zu lassen. Man kann Peter Schumacher zu dieser Ausstellung gratulieren, in der er uns Begriffe wie Zeit oder Bewegung in qualitätvollen, hervorragenden Fotoarbeiten und eindrucksvollen Motiven näher gebracht hat.

Helene Seifert M.A. – Kunsthistorikerin, Karlsruhe

 

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