Am Ende der Welt“ – Ausstellungseröffnung am 20. November
im .AWO – Begegnungszentrum „Irma Zöller“, Klauprecht 30

Am Freitag, dem 20. November 2009: Eine Ausstellung von Photographien aus der Bretagne wurde in der der KunstWohlfahrt im Begegnungszentrum „Irma Zöller, Südweststadt, eröffnet. 70 Besucher zählte man an diesem Abend. Alle zeigten sich durchweg begeistert von dem, was sie zu sehen bekamen. Gefeiert wurde natürlich auch, wie bei jeder Vernissage der KunstWohlfahrt..
Bis Februar 2010 zeigt Klaus Lustig in dieser Ausstellung „Am Ende der Welt“ eigene Photographien aus dem Bigouden- Land. Ausführlicher Text über den südwestlichen Zipfel der Bretagne auf dieser Homepage.

Dazu Peter Gautel in seiner Laudatio: „Dass Kunst nicht an der Akademie erfunden wurde, dürfte sich herumgesprochen haben. Dass Mensch plus Photoapparat noch keine Photographien machen, ist bekannt. Nun gibt es diese Photoserie der Bretagne, die mich nicht zögern lässt, sie in der Kunst anzusiedeln: überraschend neu gesehen und überzeugend in Photos umgesetzt…“

Bigouden
und die Entstehungsgeschichte des Damenhäubchens
„Chiffre bigoudène“

Bigouden (bretonisch: Ar Vro Vigouden) ist eine Region südwestlich von Quimper (Kemper), etwa 50 km südlich von Brest.

In dieser kleinen Region tragen die Frauen - oft nur noch in Traditionsvereinen und zu festlichen Anlässen - die traditionelle Kopfbedeckung: Chiffre bigoudène. Es besteht aus mehreren Teilen und muss sehr zeitaufwendig in das lange Haar der Frauen gesteckt werden. Der Schild dieses Hutes wird Bigouden genannt, das Grundgerüst heißt Taledenn und die Bänder, die unter dem linken Ohr verknüpft werden, tragen den Namen Lasenou.

Die Herkunft dieser Kopfbedeckung, so wird erzählt, war ein feiner Protest gegen den „Sonnenkönig“ Ludwig XIV. Dieser Absolutist benötigte für seine aufwendige Hofhaltung, aber vor allem für seine zahlreichen Kriege und Schlachten, in immer zunehmendem Maße Geld. 1675 erließ bzw. erhöhte er für die ferne Provinz neue Steuern. Ein Recht, das laut dem Vertrag von Vannes nur dem Ständeparlament von Rennes zustand. Die Erhöhung von Steuern auf Zinn, Zoll, Tabak, Mühlen, Fischerei und Schifffahrt, die die Bretonen mit 2 Mio. Livres bereits vorab abgegolten hatten, sowie eine neue Steuer, die auf jede amtliche Beglaubigung (Stempelpapier) und öffentliche Handlung (z. B. Hochzeit, Taufe, Beerdigung) erhoben wurden, provozierte den Aufstand der Bonnets Rouges, der Rotkappen.

Dieser Aufstand erfasste bald das ganz Land. Die Rèvolte du papier timbrè wird vor allem im Finistère zur flächendeckenden Erhebung des Landvolks unter dem Banner revolutionärer Ideen, die nicht nur gegen den königlichen Blutsauger, sondern gegen die Ständegesellschaft allgemein gerichtet ist. Eine aus dem Boden gestampfte Bauernarmee von 20 000 Mann unter der Führung des Rechtsanwaltes Sebastian Ar Balp kämpft erfolgreich gegen verunsicherte Söldner des Königs. Von wütenden Bauern werden die ersten Châteaux des einheimischen Adels angezündet, der ketzerische Code Paysan, von 14 Gemeinden zwischen Douarnenez und Concarneau unterschrieben, bildet die programmatische Grundlage der Revolte, die die herrschenden Verhältnisse von Grund auf verändern will. 14 Artikel enthält das Bauerngesetzbüchlein, einer aufrührerischer als der andere. Nicht nur die neuen Steuern sollen zurückgenommen werden, gebührenfreie Gerichtsbarkeit und unabhängige Richter werden genauso selbstverständlich gefordert wie die Legalisierung der Heirat zwischen Landadel und Bauern, die Aufteilung des Feudalbesitzes und die Abschaffung der Frondienste. Die bretonischen Stände geraten zwischen die Fronten: Auf der einen Seite die revoltierenden Bauern, auf der anderen marodierende royalistische Truppen und ein Hagel von königlichen Erlassen, die dem Landadel die noch verbliebene Macht beschneiden wollen – von autonomer Provinz ist keine Rede mehr.

Adel verpflichtet: Die bretonischen Stände schlagen sich auf die Seite der königlichen Heere, die in Eilmärschen anrücken, um der wütenden Revolution den Garaus zu machen. Die Bonnet Rouges haben keine Chance. Mit unglaublicher Brutalität wird unter dem Gouverneur Chaulnes der Aufstand erstickt. Ar Balp wird von einem französischen Offizier erstochen.

Das Gemetzel unter den Bauerntruppen, wahllose Massenhinrichtungen in den Armenvierteln der Städte oder die systematische Beseitigung der Führer durch Erhängen, Rädern oder wenigstens Verbannung auf eine Galeere sind nur ein probates Mittel königlicher Ordnungspolitik.
Doch damit nicht genug. Zur Strafe werden einige Kirchtürme geschleift, das Parlament der störrischen Provinz wird für 15 Jahre nach Vannes verbannt, die bretonischen Stände sind endgültig unterworfen und mucken nicht länger auf gegen neue Steuern. Die pressen sie ohnehin wie gewohnt aus den Bauern heraus – den Verlierern der Stempelrevolte.

Um die Bretonen zu demütigen, schleift man auf Befehl des Königs die Kirchtürme. Zerstört ihre Dächer, halbiert sie. Nun richten die Frauen des Bigoudenlandes die verlorenen, die ehemals aufrechten und hohen Türme wieder auf. Das Häubchen auf dem Kopf ist – der verlorene Kirchturm.

Rund um Penmarc`h (bret. Penn=Kopf Marc`h=Pferd = Pferdekopf) lassen sich zahlreiche Beispiele sehen, die zu einem Motiv meiner Fotoserie wurden. Menschen fotografierte ich dort selten, ich spreche weder bretonisch noch französisch, man sollte die Sprache des Menschen können, bevor man ihn fotografiert.

Nicht nur vom verkommenen Pariser Adel wurden die Menschen im Finistère misshandelt: Als der Räuber La Fontanelle, der mit seinen Gesellen am Ende des 16. Jh. zum Zwecke der Brandschatzung eine Rundreise über die Halbinsel unternommen hatte, 2000 Bauern samt ihren Familien töten ließ, die sich in der Kirche sicher wähnten, war das wirtschaftliche Schicksal der Gemeinde auf Jahrhunderte besiegelt. Erst der Aufschwung nach dem Zweiten Weltkrieg brachte wieder mehr Leben in diese Region.

Die Sprache der Bretonen war, wie alle anderen Minderheitssprachen in Frankreich, stets ungeliebt im Paris der Herrscher – während allen französischen Republiken. Spätestens nach der Revolution suchten diese Herrscher in Paris nach Wegen, den Minderheitssprachen den Garaus zu machen. Nur in Paris wurde die Sprache der Vernunft gesprochen. Diese Art von „Vernunft“ wurde hier, im Finistère – in der ganzen Bretagne – nie verstanden. Es ist verständlich, dass in der Bretagne die Marseillaise weder gerne gehört noch gerne gesungen wird.
Nach dem Ersten Weltkrieg ging man dazu über, das Bretonische systematisch auszurotten. (Im Ersten Weltkrieg wurden 250 000 Bretonen, 10 % der Gesamtbevölkerung der Bretagne getötet. Von den französischen Offizieren wurden die Bretonen zusammen mit „Eingeborenen“ aus den Kolonien eingesetzt. Man behandelte sie wie Tiere, da sie ja keine menschliche Sprache beherrschten.) Allerdings ist die französische Sprache überhaupt nicht geschaffen für die bretonische Landschaft, die ich so gerne fotografiere: Denn nur im Bretonischen gibt es unzählige Wörter für „Grau“, „Sand“, „Wolken“…

 

 

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